Heute vor 40 Jahren an der Startbahn : Der „Blutsonntag“

„Fährst du Samstag mit auf die Friedensdemo in Bonn ? Nee, ich bleibe lieber hier, mir ist die Gefahr zu gross dass die Polizei ans Hüttendorf geht“ So sah eine Unterhaltung nach dem Beginn der Polizeieinsätze am Flughafen Anfang Oktober 1981 aus. Dazu kam es vorerst nicht – aber am 11.10.1981 zu einem brutalen Polizeieinsatz und einer neuen Eskalationsstufe im Startbahn West – Konflikt.

Die Vorgeschichte: Der Beginn des Tunnelbaus für die Startbahn West begann mit einer vagen Ankündigung. Nach der IAA, im Oktober sollte es sein. Im Verlauf des Septembers beobachteten wir, wie auf dem FAG- Gelände Wasserzapfstellen für Wasserwerfer installiert wurden.
Mit dem nötigen Vorlauf war es der Bürgerinitiative möglich, eine Besetzungsaktion des sogenannten “ 7 Hektar Geländes“ vorzubereiten und durchzuführen. Insgesamt 15000 Menschen nahmen ab dem 5.10.1981 über mehrere Tage verteilt aktiv teil – das Konzept der massenhaften Platzbesetzung wurde von der Polizeiführung mit einer Belagerungs- Ermüdungs- und Einkesselungsstrategie geschickt gekontert . Nach drei Tagen wurde am Donnerstagmittag die letzte Besetzi-Bastion, der im Vorfeld aufgebaute neue Holzturm , unter Zusicherung freien Geleits von uns aufgegeben.
Schon während der Räumung begann der Bau einer Mauer aus Fertigteilen. Uns blieb der bereits vor Monaten gebaute mehrstöckige Ausguck „Wächter der Freiheit“ , der einen Panorama- Ausblick über die Szenerie bot.
Kaum standen die Mauerelemente, wurde eine Krone aus Nato-Stacheldraht draufgesetzt. Dann wurde die vordere Absperrung, die den Mauerbau geschützt hatte, aufgehoben. Neben der Parole „Gewaltfreier, aber aktiver Widerstand“ hiess es bei uns auch : „Was die FAG aufbaut , reissen wir wieder ab, was sie aufreisst, schütten wir wieder zu.“. Mit Wurfankern und langen Ästen wurde der als Demütigung empfundene Glitzerdraht heruntergeholt. Die Polizei beantwortete die Attacken mit massiven Wasserwerfer- und Tränengaseinsätzen. Dabei kam auch erstmals einer der „Wawe 9″-Wasserwerfer des Bundesgrenzschutzes zum Einsatz. Das Ungetüm lief bei den Demonstrantinnen bald unter der Bezeichnung „Mammut“.

Jetzt war Samstag, der 10.10. Alles war ruhig. „Wäre ich doch in den Hofgarten nach Bonn gefahren“ dachten manche Daheimgebliebene. Statt dessen werkelten sie an der weiteren Befestigung des Hüttendorfs . Ab und an wurde auf dem „Ho Tschi Minh Pfad“ nach vorne geschlendert, um dort die Lage zu sondieren. Dort erwartete einen ein unablässiger Pilgerstrom von Demonstrierenden oder auch Neugierigen, welche sich die neue Mauer angucken wollten.

Für den nächsten Tag, den Sonntag , hatte die Bürgerinitiative unter der Parole „Keine Startbahn West – Widerstand jetzt erst recht“ zu einer Kundgebung in Walldorf um 13 Uhr mit anschliessender Demonstration zum Hüttendorf und zum Baugelände aufgerufen.

Im Aufruf heisst es :

„Die Flughafen AG hat an der Okrifteler Strasse mit den vorbereitenden Massnahmen zur Flughafenerweiterung begonnen. Sie verstösst damit gegen geltende Gesetze, denn die gesetzlichen Voraussetzungen für die Baumassnahmen sind nicht erfüllt. Der Landkreis Gross Gerau hat Klage gegen das widerrechtliche Vorgehen der FAG erhoben. Eine Entscheidung steht noch aus.“

Dabei ging es um die Frage, ob für den Tunnelbau ein neues Planfeststellungsverfahren nötig sei- zuvorderst aber um das Wasserrecht. Es lag noch keine wasserrechtliche Genehmigung für den Bau der 18 West vor, Es wurde gefordert, den gesamten Baubeginn bis zum Abschluss des Hauptverfahrens zurückzustellen. Im Verlauf des Oktobers erliessen die Landesbehörden aber eine vorgezogene Genehmigung. Damit war dann der Weg zur Rodung von Baulos 1 frei.

Die Bürgerinitiativen werteten den hohen Mobilisierungsgrad ihrer Anhängerinnenschaft als Erfolg:

„Mit ihrem gewaltfreien Widerstand haben die Bürger dieser Region gezeigt, dass sie besonnen und entschlossen der mit Arroganz und sturer Unbelehrbarkeit durchgesetzten Landespolitik entgegentreten.“

Auch am Demo-Sonntag war die Resonanz gut. Über 5000 Menschen füllten den Festplatz am SKG-Heim in Walldorf. Es sprachen Vertreter der Parteienaktionsgemeinschaft Mörfelden-Walldorf und der stellvertretende Stadtverordnetenvorsteher, ein CDU-Mitglied, der ein „entschiedenes Nein zur Startbahn West“ einforderte.
Bei dem Demo- Aufruf gab es noch einen zweiten Programmpunkt: “ Um 14 Uhr besteht die Gelegenheit, an einem Gottesdienst in der Hüttenkirche teilzunehmen und sich vor Ort zu informieren“

Die Menge der Leute, die diese „Vor-Ort-Information“ wahrzunehmen gedachte, dürfte bei mindestens Zehntausend gelegen haben. Sie verteilten sich alsbald über das Hüttendorf und den Waldrand, direkt an der neuen Mauer. Dort war die Situation unübersichtlich. Entlang der etwa 1,5 Kilometer Mauerlänge gab es kleinere Scharmützel ohne erkennbare Struktur, nur dass es immer wieder zu Wasserwerfer- und Tränengaseinsätze kam.
Die trafen auch den angekündigten Gottesdienst, den das evangelische Dekanat Rüsselsheim organisiert und auf die Veranstaltungsbühne am Waldrand verlegt hatte. Das war keine besonders gute Idee, denn er musste wegen Gefährdung der Teilnehmenden nach einiger Zeit abgebrochen werden.

Zur Dämmerungszeit gegen 18. Uhr änderte sich die Gesamtlage. Eine grosse Menge Polizei begann sich vor der Mauer zu formieren, Für die meisten Demonstrierenden, die sich ihnen am Waldrand entgegenstellten, war der Sinn des Einsatzes zunächst völlig unklar. So langsam kristallisierte es sich für manche heraus, dass der Einsatz dem Kommandoturm am Waldrand galt. Andere bekamen nicht einmal das mit und waren plötzlich mit einer vorrückenden Polizei konfrontiert, die sich drohend direkt vor den DemonstrantInnenketten aufbaute.

Es war für mich eine traurige Erfahrung, von demselben Polizisten, mit dem ich eben noch geredet hatte, wenig später niedergeknüppelt zu werden. Das geschah auf einer Breite von etwa 100 Metern mit ca. 400 Beamten. In meinem Abschnitt waren es Bayern. Geprügelt wurde mit langen Knüppeln auf die Köpfe. Die Leute konnten nicht ausweichen, da von hinten nachgedrückt wurde. Es war, abgesehen von den Knüppelaufschlägen und einiger Schmerzensschreie , völlig still.

Ziel des Einsatzes war es wohl, die aus fünf Personen bestehende Besatzung des Turmes festzunehmen, die von der Polizeiführung als Rädelsführer eingestuft worden waren und festgenommen werden sollten. Dafür sollte das gesamte Gelände unterhalb des Turms freigeräumt werden, was trotz intensiven Knüppelns wegen zähen passivem Widerstand eine Dreiviertelstunde dauerte. Der Turm mit seinen offenen Plattformen wurde von Wasserwerfern unter Beschuss genommen.

Insgesamt wurden mehrere Hundert Menschen leicht und etwa 40 schwerer verletzt. Es gab mindestens 6 Schwerstverletzte, darunter ein Schädelbasisbruch und zwei weitere Schädelverletzungen. 12 Menschen, so die Bilanz der „Che Guevara Klinik“ im Hüttendorf , hatten Kopfplatzwunden, die genäht werden mussten. Prellungen durch Stockeinsatz konnten wegen der Menge und geringerer Dringlichkeit nicht behandelt und auch nicht gezählt werden. Es kam zu zahlreichen Atemnotsfällen – die meisten Menschen auf der Demo hatten intensive Tränengasattacken noch nicht erlebt und waren schlecht vorbereitet. Es gab einen lebensbedrohlichen Asthmaanfall nach einer Tränengasattacke, der ohne Versorgung tödlich hätte enden können. Der Abtransport der Schwerverletzten ins Krankenhaus gestaltete sich hochproblematisch.

Es soll auch Polizisten gegeben haben die remonstrierten, sich also weigerten bei dem Knüppeln mitzumachen.

Gegen 19 Uhr war das Gelände unter dem Turm von Demonstranten geräumt und die Polizei forderte die Besatzung des Turmes auf, herunterzukommen.
Die FNP schrieb: „Während der Aktion….wo die Startbahngegner immer wieder Gesänge anstimmten und die Polizisten aufforderten, ihre Schlagstöcke wegzuwerfen, schlugen viele Beamte mit ihren Schlagstöcken auf die Plastikschilde, um das Megaphon der Bürgerinitiative zu übertönen.“

Die Besetzis erklärten, sie würden den Turm nicht freiwillig räumen: „Von hier sind keine Gegenstände geworfen worden, unser Widerstand ist und bleibt gewaltfrei, wird aber gewaltig bleiben“

Gegen 19.45 Uhr wurde der Turm von einem Sondereinsatzkommando gestürmt und drei verbliebene Turmbesetzer wurden wegen „Aufruf zur Gewalt“ und auch wegen „Verstoss gegen das Fernmeldesetz“ vorläufig festgenommen. Sie befänden sich unbefugt auf Gelände der FAG auf einem illegal errichteten Bauwerk. Auf dem Turm befand sich die Sendeanlage von „Radio Luftikus“, die konfisziert wurde. Das Gebäude wurde darauf von technischen Einheiten der Polizei niedergerissen.

Die Frankfurter Neue Presse protokollierte: „Nachdem die Personen abgeseilt waren, wurde unter dem Beifall der Polizisten die Fahne der Bürgerinitiative eingeholt.“

Der Tag war noch nicht ganz zu Ende. Ein Demonstrant (Alex) drohte von einem Baum zu springen, wenn dieser gefällt werden sollte. Gegen 4.30 Uhr am Montagmorgen gab er entkräftet auf.

Bei der Bevölkerung in Walldorf, die teilweise mit Kind und Kegel in den Wald gezogen war und schockiert, wenn nicht sogar traumatisiert zurückkam, bekam der Tag den Namen „Blutsonntag“.
In den Folgetagen sammelte die Bürgerinitiative 100 Zeuginnenaussagen über das Vorgehen der Polizei ( „Ich habe am Sonntag das Vertrauen in den Rechtsstaat verloren“) und stellte sie auf einer Pressekonferenz in Mörfelden Walldorf vor, eine ähnliche Aktion unternahm der SPD-Bundestagsabgeordnete Norbert Wieczorek in Rüsselsheim.

Der Protest ging weiter, die Buchmesse nahte. Und die erwartete Räumung des Hüttendorfs ( wohl nicht unbedingt während der Buchmesse…) Für einen möglichen Räumungstag hatte sich eine Gruppe Kunstaktivistinnen eine Sound-Performance ausgedacht. Das Darmstädter Echo berichtete am 17.10.1981:

Am Tag der Räumung des Hüttendorfes sollen „1000 Sägen und Stereoanlagen aller Art“ aus geöffneten Fenstern das „Requiem für eine Million Bäume“ intonieren. Im Schneeballsystem werden Kassetten mit Motorsägengeräuschen vervielfältigt. Eine Hörprobe sendet der Hessische Rundfunk im 2. Programm am Dienstag 20.Oktober in seiner Sendung „Blickpunkt Musik, die um 19 Uhr beginnt“.

Am Mittwoch, den 14.10 fand ein BI-Plenum statt, auf dem der Rücktritt von Innenminister Ekkehard. Gries (FDP) , Ministerpräsident Holger Börner , den Frankfurter Polizeipräsidenten Karlheinz Gemmer und des leitenden Polizeidirektors Horst Vogel gefordert wurde. Sie seien für den Polizeieinsatz verantwortlich. Gerade Herr Gries habe durch Äusserungen wie „Im Hüttendorf lebten Kriminelle, Chaoten und Asoziale“ den Konflikt massiv angeheizt.

Organisiert wurde auch eine Demo zum Hessischen Rundfunk am Dornbusch. Der Hessische Rundfunk war am Sonntag auf der Demo nur schwach vertreten gewesen und hatte Pressemeldungen der Polizei etwas zu treuherzig übernommen. Das Ergebnis waren Nachrichtenbeiträge, die an den Transistorgeräten im Wald Unglauben und Wut auslösten.

Das Ganze sollte aber nur ein Vorspiel zu dem werden, was im November die Region bewegte: Hüttendorfräumung und Waldrodung.

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